25.07.2019

Schüler beleuchten Mechanismen der Macht

Die Schauspieltalente des Lichtenstern-Gymnasiums in einer Szene aus dem Stück „Die Welle“.

aus: Vaihinger Kreiszeitung vom 19.07.2019

 

 

Talente des Lichtenstern-Gymnasiums Sachsenheim bringen „Die Welle“ nach dem Roman von Morton Rhue auf die Bühne

 

 

 

Sachsenheim (p). Wie lässt sich Geschichte erlebbar und damit nachvollziehbar machen? Vor dieser Frage stand der junge Pädagoge Ron Jones, als er 1967 die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs, den Nationalsozialismus in Deutschland sowie den Holocaust im Unterricht behandelte. Für seine 15-jährigen Schüler war es unvorstellbar, wie die deutsche Bevölkerung nichts von der Judenvernichtung und dem Grauen in den Konzentrationslagern gewusst haben will. Mit einem Experiment brachte Jones seinen Schülern die Mechanismen in einer Diktatur und einer Autokratie näher. Er entwickelt das Experiment „Die Welle“, eine Bewegung, die als Versuch gestartet eindeutig zu weit ging.

 

Die Mittel- und Oberstufenschüler des Lichtenstern-Gymnasiums um die Lehrer Cathrin Grimmer und Ralph Winkle führten mit ihrer Theaterinszenierung ein wirklich starkes Stück in der Sachsenheimer Schule auf. Während dort sonst eher Komödien im Park gespielt wurden, erwartete die Zuschauer in diesem Jahr ein echtes Drama. Denn Szene für Szene machte sich in der Theateradaption nach Reinhold Tritt eine unheilvolle Entwicklung breit, die in der Sachsenheimer Version im Selbstmord des strammen „Die Welle“-Anhängers Martin endete, deren tragischen Charakter Lilli Haußmann in dieser Rolle deutlich zum Ausdruck brachte.

 

Anfangs Außenseiter der Klasse entwickelt sich Martin zum glühenden Anhänger der Bewegung. „Stärke durch Disziplin, Stärke durch Gemeinschaft, Stärke durch Aktion“: Kein anderer Schüler hat die Ideologie derart verinnerlicht, die die Lehrerin Grün, exzellent gespielt von der Zehntklässlerin Emily Adams, im Unterrichtsexperiment entwickelt. Erkennungssymbol der Bewegung ist die Welle. Dem Hitlergruß vergleichbar macht das Symbol deutlich, wer zur Bewegung dazugehört und wer nicht. Wie sehr einen eine Gemeinschaft mit einfachen Regeln, mit eiserner Disziplin und mit einer ebenso einfachen systemimmanenten Logik fesseln kann, zeigte das Experiment nur zu deutlich.

 

Als Redakteurin der Schülerzeitung bekam Laura (Phoebe Leibinger) bereits schnell zu spüren, wie ihr der Umgang mit ihren „gleichgeschalteten“ Klassenkameraden immer schwerer gemacht wurde. Durch ihre kritischen Beiträge sah sie sich zunehmend Repressalien ausgesetzt, die im Teilnahmeverbot an einer großen Schülerversammlung gipfelte. Die Pressefreiheit wurde im Experiment dem Wohl der Ideologie geopfert.

 

Den Nachwuchsschauspielern am Lichtenstern-Gymnasium gelang es bei ihren Aufführungen eindrücklich, die Eigendynamik nationalistischer Systeme in Bezug auf den Mikrokosmos Schule herauszuarbeiten. Als im Stück Lehrerin Grün das Experiment auch auf Druck der Schulleitung auf einer großen Abschlussversammlung beendet, ist die Enttäuschung über die Auflösung der „Welle“ riesig. Für Schüler Martin markiert dieses Ende eine ganz persönliche Katastrophe, denn in der Gemeinschaft der „Welle“ hatte er seinen Platz gefunden, und deren Auflösung sah er als Verrat an einer Sache an, die ihn aus seiner Rolle als Außenseiter herausgehoben hatte.

 

„Die Welle“ am Lichtenstern-Gymnasium ließ keinen Zuschauer unberührt. Den jungen Schauspielern spürte man es an, dass ihnen die Botschaft hinter dem Theaterstück Herzensangelegenheit war und sie emotional packte. Ihre Botschaft mit diesem Stück war eindeutig. Auch wenn Demokratie und Toleranz bisweilen anstrengend sind, lohnt es sich, dafür einzutreten. Befehl, Gehorsam und Machtmissbrauch als wesentliche Mechanismen der Diktatur mögen zwar als Ordnungsprinzipien funktionieren, dies hat das Experiment gezeigt. Aber der Preis für die vermeintliche Stabilität und Sicherheit ist zu hoch, weil der Mensch seine Individualität und damit seine Freiheit verliert.

 

Mit viel Beifall bedacht setzten die Schüler ein Zeichen gegen Populismus und Nationalismus und für die Menschlichkeit. „Daran sollte man sich orientieren und das hohe Gut der Freiheit nicht den scheinbar einfachen Lösungen opfern“, so das Fazit am Lichtenstern-Gymnasium.

 


 

 

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