Innovation bedeutet auch scheitern zu dürfen

Das Podium bei Wirtschaftsgespräch (von links): Johannes Pfitzenmaier, Marie-Christine Becker, Dr. Peter Leibinger, BZ-Chefredakteur Andreas Lukesch und Katharina Sousa. © Foto: Martin Kalb

Mathias Schmid in: Bietigheimer Zeitung vom 23. März 2018

 

Fast kein Sitz war leer geblieben am Mittwochabend im Forum des Lichtenstern-Gymnasiums (LGS). Gut 200 Zuhörer waren gekommen, um bei der 18. Auflage der Sachsenheimer Wirtschaftsgespräche dabei zu sein. Drei Schüler hatten sich Fragen zum Thema „Wie kommt das Neue in die Welt? – Innovationen als Motor der Wirtschaft“ überlegt. Antworten gab Dr. E. h. Peter Leibinger, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung der Trumpf-Gruppe. Die Moderation hatte BZ-Chefredakteur Andreas Lukesch.

„Wir stehen am Scheidepunkt zu einer neuen Welt: der Welt der Digitalisierung“, leitete Reinhart Gronbach, Rektor des LGS, den Abend von Stadt, Lichtenstern-Gymnasium und Bietigheimer/Sachsenheimer Zeitung ein.

Die Schüler gingen darauf gleich in medias res: „Denken Sie, dass für Trumpf Disruptions-Gefahr besteht?“, mit dieser Frage wollte Marie-Christine Becker (16) wissen, ob Trumpf fürchten müsse, dass seine Technologien oder Leistungen durch etwas Innovativeres ersetzt werden. „Auf jeden Fall“, war die ehrliche Antwort von Peter Leibinger, „für jedes Unternehmen, das höherklassige Technologien im Wettbewerb anbietet, besteht die Gefahr, dass ein anderes Unternehmen mit etwas Neuem kommt.“ Auch Trumpf sei nicht davor gefeit, deshalb sei es ja so wichtig, in neue Ideen zu investieren.

Katharina Sousa (15) wollte wissen, was der Vorteil sei, wenn man Start-Ups, also Unternehmens-Neugründungen, aufkaufe. Der Chief Technology Officer erklärte: „Wir kaufen sie nicht direkt, sondern treten als Investor auf und stellen unser Knowhow zur Verfügung.“ Vorteile seien: „Die Idee kann auf unser Geschäftsfeld übertragen oder dort weiterentwickelt werden. Und wir erleben, mit welcher Geschwindigkeit, mit welchem Einsatz und auch mit welcher Risikobereitschaft Start-ups arbeiten. Außerdem hoffen wir, so Menschen für Trumpf zu gewinnen.“

BZ-Chefredakteur Lukesch hakte nach: „Und was gibt es für Risiken?“ Die sah Leibinger vor allem auf finanzieller Seite. „Ein Start-up-Fonds mit 40 Millionen Euro ist auch für uns viel Geld.“ Geld, das weg sei, wenn die Start-up-Idee scheitere.

Johannes Pfitzenmaier (16) hinterfragte angesichts des florierenden Start-up-Markts, ob man in Deutschland Scheitern mehr akzeptieren sollte, ähnlich wie in den USA: „Ich glaube, das ist schon eine Mentaltitätsfrage“, meinte Leibinger, der selbst von 1997 bis 1999 in den USA gelebt und gearbeitet hat und offen über das eigene Scheitern und über falsche Richtungsentscheidungen im Unternehmen sprach. „Scheitern gehört dazu und bietet immer die Chance, Fehler nicht zu wiederholen, es beim nächsten Mal besser zu machen.“ Auch daran wachse ein Unternehmen.

Haben Familienunternehmen wie Trumpf mit ihrer Unternehmenskultur gegenüber den DAX-Konzernen Vorteile? Katharina Sousa wollte es genau wissen: „Familienunternehmen oder börsennotierte Unternehmen – wer ist innovativer?“ Für Leibinger ganz klar: „Von einer Idee bis zum Erfolg vergehen rund zehn Jahre. Für viele DAX-Unternehmen, deren Management sich in sehr kurzen Zeiträumen rechtfertigen muss, ist das schwer darstellbar. Echte Innovationen kommen aus Familienunternehmen, die bekannten vielleicht eher von den DAX-Unternehmen.

Nicht Google, sondern Amazon

Bei der Frage, welches das innovativste Unternehmen für ihn sei, meinte Leibinger: „Ihr erwartet jetzt bestimmt Google oder Apple.“ Er lieferte aber eine ganz andere Antwort: Amazon. „Sie sind auf ganz verschiedenen Ebenen enorm innovativ, ein genialer Logistiker.“ Auch im Silicon Valley werde „nur ein schmales Spektrum der Innovation“ abgebildet. In Israel dagegen, speziell in Tel Aviv, blühe „eine der interessantesten Innovationskulturen, verbunden mit einem unglaublich ausgeprägten Geschäftssinn“. Die innovativste Region in Europa sei der Alpenraum.

Ein Thema, das Andreas Lukesch noch unter den Nägeln brannte: Wie will man Innovations-Vorreiter werden, wenn die Infrastruktur hinterher hinkt und es im Kirbachtal kaum schnelles Internet gibt?“ Leibinger antwortete diplomatisch und sagte nur: „Ich kann es mir nicht erklären. Wir haben eigentlich alle Instrumente, um das zu ändern.“

Noch lange nach der anschließenden Publikumsrunde um 21.30 tauschten sich Zuhörer und Gast Peter Leibinger in gemütlichem Rahmen aus.

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